PopKulturSchock in Love: Diana Wynne Jones – Das wandelnde Schloss

„She was the funniest, wisest, fiercest, sharpest person I’ve known, a witchy and wonderful woman, intensely practical, filled with opinions, who wrote the best books about magic.“ (Neil Gaiman)

Als vor etwas über einem Jahr die britische Autorin Diana Wynne Jones verstarb, hat ein großer Teil der englischsprachigen Fantasy-Größen öffentlich getrauert. Die großen Tageszeitungen und Autoren wie Tamora Pierce und allen voran Neil Gaiman haben bewegende Nachrufe geschrieben, während bei uns außer ein paar großen Fantasy-Blogs kaum jemand Notiz von ihrem Tod genommen hat.

Das war keine Boshaftigkeit und auch bestimmt kein Snobismus gegenüber einer Fantasy-Autorin, die hauptsächlich für Kinder geschrieben hat – Diana Wynne Jones ist bei uns schlicht kaum bekannt. Damit ist sie in guter Gesellschaft: In englischsprachigen Ländern gibt es eine Tradition für charmante, witzige, skurrile, verschmitzte Fantasy, deren große Klassiker dort jedes Kind kennt – und die hier zum großen Teil nichtmal aktuell im Druck sind.

Einer dieser Klassiker ist Howl’s Moving Castle, bei uns veröffentlicht als Das wandelnde Schloss (zur gleichnamigen Steampunk-lastigen Verfilmung von Japans Studio Ghibli) und ein paar Jahre später nochmal als Sophie im Schloss des Zauberers. Nachdem ich mich angesichts der glühenden Liebeserklärungen zu ihrem Tod gründlich geschämt hatte, nie auch nur eine Zeile von Diana Wynne Jones gelesen zu haben, habe ich diesen kleinen Band von 1986 mit in den Urlaub genommen.

Einen halben Tag später war ich bereit, Diana Wynne Jones zu meinen Lieblingsautoren zu zählen und ihre Bücher mit Klauen und Zähnen gegen alle zu verteidigen, die sie auch nur schief angucken.

Howl’s Moving Castle spielt in einer typischen bunten, charmanten Märchenwelt, in der Magie selbstverständlich ist – genauso wie es ganz natürlich ist, dass nur die jüngste von drei Schwestern ein Abenteuer überleben kann. Bedroht wird diese hübsche kleine Welt durch den gefährlichen, Mädchen-fressenden Zauberer Howl und die garstige Hexe aus dem Niemandsland (im Original klingt es schöner: the Witch of the Waste). Das Buch erzählt die Abenteuer von Sophie, die ausziehen und ihr Glück suchen muss (und das als älteste Tochter!) – und natürlich auf sowohl Zauberer als auch Hexe stößt. So viel wusste ich schon vom Klappentext, bis dahin klingt es nett aber nicht übermäßig beeindruckend.

Aber! Diana Wynne Jones knöpft sich in ihrem Roman erstens Märchenklischees vor und verkehrt sie ins Gegenteil, spielt mit ihnen und nimmt sie auseinander, ohne auf ihnen herumzutrampeln.

Ihre ironische Welt bevölkert sie zweitens mit Charakteren, die (gerade fürs Fantasy-Genre) unverschämt menschlich sind: Alle haben ihre guten Seiten (na gut – fast alle), aber keiner von ihnen ist perfekt. Es gibt keine wichtige Figur, die man im Lauf des Romans nicht mindestens dreimal kräftig schütteln will. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb? – schleichen sie sich ins Herz und bleiben da auch nach dem Lesen, mit dem Starrsinn von Hausbesetzern.

Das Abenteuer, in das Diana Wynne Jones diese Figuren schickt, ist spannend, quirky und nimmt unvorhersehbare Wendungen – aber es ist nicht völlig neu, nicht aberwitzig anders oder völlig unerwartet. Aber in dieser Welt, die alles mit einem Augenzwinkern betrachtet, hat die Story einen viel größeren Effekt, von der Liebesgeschichte mal ganz zu schweigen.

Und zu guter Letzt (aber das versteht sich bei dem Genre fast von selbst) spiegelt sich in Sophies Welt ganz unaufdringlich unsere eigene.

PS: Leider ist auch die deutsche Ausgabe von Das wandelnde Schloss mittlerweile eingestampft worden (warum, und gebraucht nur für hohe Summen zu haben. Aber die englische Ausgabe ist sehr leicht zu lesen, hat sprachlichen Witz und Leichtigkeit (die bei der Übersetzung sowieso oft verloren gehen) und ist für eine Handvoll Euro zu bekommen.

 

 

 

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Kategorien: Buch, PopKulturSchock in Love

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5 Kommentare - “PopKulturSchock in Love: Diana Wynne Jones – Das wandelnde Schloss”

  1. 5. Juli 2012 um 20:40 #

    Ich wusste gar nicht, dass “Das wandelnde Schloss” auf einem Buch basiert und kannte die Autorin entsprechend auch nicht.
    Irgendwie habt ihr immer die besten Tipps! ;-)

    • 6. Juli 2012 um 09:33 #

      Awww, danke! Das war aber auch echt eine super Entdeckung, großes Glück. Ich steh schon in den Startlöchern, um das nächste Buch von ihr zu lesen.

  2. 1. Juli 2012 um 21:06 #

    Oh, ich habe gar nicht mitbekommen, dass sie verstorben ist :(
    Ich mag dieses Buch sehr, aber viel mehr liebe ich die Verfilmung vom Studio Ghibli, der zu den besten Zeichentrickfilmen of all times gehört. Immer wenn ich traurig bin, schaue ich mir gerne Howl’s Moving Castle an. So schön <3
    Bei der englischen Ausgabe kann ich dir nur zustimmen, ich habe gleich bei der engl. Ausgabe zugegriffen!

    • 2. Juli 2012 um 18:37 #

      Ja, letztes Jahr im Frühjahr, ganz traurig. Aber ich glaub, ich bleibe beim Buch. Schockierend, oder, dass es die deutschen Ausgaben gar nicht mehr gibt? Ich bin aus allen Wolken gefallen.

      • 2. Juli 2012 um 18:42 #

        Verständlich. Ich würde auch aus allen Wolken fallen. Ich habe nicht mal eine deutsche Kindle-Version entdeckt!!

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