PopKulturChat: Bernd Perplies (Magier-dämmerung)

Während unserer Steampunk-Tage haben wir uns mit Bernd Perplies unterhalten. Er hat mit dem dritten Band In den Abgrund gerade seine Trilogie Magierdämmerung vollendet, in der Steampunk-Elemente auf Magie treffen.

PopKulturSchock: Sie haben angefangen mit High Fantasy und sind dann mit der Magierdämmerung zu Steampunk gewechselt. Warum?

Bernd Perplies: Das lag daran, dass ich jemand bin, der sich ungern auf ein Genre festlegt. Schon nach dem ersten Band von Tarean hat mich meine Agentin gefragt, ob ich nicht auch in anderen Bereichen der Phantastik tätig werden wollte. Vielleicht, weil High Fantasy zu dem Zeitpunkt bereits zu sehr am Markt verbreitet war und nach neuen Konzepten gesucht wurde – und da habe ich gesagt: „Klar, warum nicht?“ Und dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken, was ich machen könnte, und dabei habe ich mich daran erinnert, dass ich in meiner Jugendzeit sehr gerne diese ganzen Geschichten von Jules Verne, von Arthur Conan Doyle oder von Henry Rider Haggard oder Bram Stoker gelesen habe und dass das eigentlich sehr spannende und interessante Abenteuergeschichten waren. Dazu kam noch, dass ich drei oder vier Monate vor diesem Gespräch mit meiner Agentin den Comic Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen von Alan Moore gelesen hatte und dabei festgestellt habe, dass es eine total witzige Idee ist, diese literarischen Figuren zu nehmen und ein mehr oder minder reales Umfeld des viktorianischen Zeitalters und daraus ein Pulp-Abenteuer zu machen. Etwas in der Art wollte ich dann auch schreiben.

PKS: Mussten Sie da sehr umdenken?

BP: Was die Recherche angeht schon. Wenn man einen High-Fantasy-Roman schreibt, ist es ja so, dass man vor allem auf das achten muss, was man selbst festgelegt hat. Bei der Magierdämmerung habe ich mit dem viktorianischen Zeitalter dagegen ein existierendes irdisches Zeitalter als Setting gewählt, das dem Leser zu einem gewissen Grad einfach bekannt ist und dessen Regeln man nicht zu sehr widersprechen darf. Natürlich ist die Magierdämmerung eine fantastische Geschichte, aber sie ist auch, was die historischen Aspekte angeht, sehr realistisch angelegt. Also habe ich doch vergleichsweise viel recherchiert: über das London der damaligen Zeit, über die Mode, über die Dinge, über die die Leute damals gesprochen haben, die Lebensumstände …

PKS: Wie haben Sie recherchiert?

BP: Vor allem übers Internet. Es ist ja erstaunlich, was man heutzutage alles im Internet finden kann: die abwegigsten Dinge. Eine ganz gute Ausgangsbasis für das schnelle Nachschlagen ist die Wikipedia. Von da kommt man dann auch irgendwann auf die kuriosesten Webseiten. Ich habe beispielsweise Seiten von Freundeskreisen historischer Eisenbahngesellschaften gefunden und eine riesige Abhandlung über Luftgewehre aus der damaligen Zeit. Was auch sehr hilfreich war: Es gab eine Webseite, auf der ganz viel altes Kartenmaterial gesammelt worden ist, und da gab es witzigerweise einen London-Stadtplan aus dem Jahr 1897. Das ist exakt das Jahr, in dem auch meine Geschichte spielt. Diesen Plan habe ich mir runtergeladen, und in Kombination mit Google Street View – was etliche Leute ja nicht mögen, was aber für Autoren unglaublich praktisch ist – konnte ich dann die Wege nachfahren, konnte schauen, welche Straßen es damals schon gab, die es heute auch noch gibt, konnte mir anhand der Häuser, die dort heute stehen, überlegen, ob es die damals auch schon gegeben haben könnte. Dadurch konnte ich realistisch wirkende Streckenabläufe beschreiben. Ich habe sogar Streckendauern ausgerechnet, weil ich in der Magierdämmerung zu Beginn der Abschnitte immer Uhrzeiten angegeben habe und deshalb genau ausrechnen musste, wie schnell sich die Charaktere mit ihren Kutschen oder zu Fuß durch London bewegen (oder auch später mit anderen Fahrzeugen in anderen Bereichen der Welt). Dafür war Google Maps und Street View schon sehr hilfreich. Zu guter letzt wäre noch victorianlondon.org zu nennen. Das ist eine Webseite von jemanden, der unglaublich viele Primärtexte aus Zeitschriften oder Zeitungen der damaligen Zeit abgetippt hat und die auf seiner Webseite zum Nachlesen anbietet. Da kann man unglaublich viel über das London der damaligen Zeit lernen.

PKS: Haben Sie vor dem Schreiben “klassische” Steampunk-Literatur gelesen, um sich inspirieren zu lassen?

BP: Wenn Sie damit Jules Verne und H.G. Wells meinen: Die sind ja eigentlich kein Steampunk, sondern haben zu ihrer Zeit “ganz normale” futuristische Science Fiction geschrieben. Aber ich habe nichtsdestotrotz nochmal in Jules Verne reingelesen. Vor allem aber habe ich ein paar Filme geschaut, die diese Jules-Verne- und Sherlock-Holmes-Geschichten adaptieren. Denn man muss ja gestehen: Es geht natürlich schneller, einen Film zu schauen, als ein Buch zu lesen. Und wenn es nur darum geht, in die richtige Stimmung zu kommen, genügt mir ein Film vollauf. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Ich habe ja neben Germanistik auch Filmwissenschaft studiert, und deshalb habe ich diesen Filmansatz irgendwie immer in mir. Wenn ich dann schreibe, versuche ich entsprechend, möglichst bildlich zu schreiben. Um das zu erreichen, sind Filme oder Fotos für mich fast hilfreicher und inspirierender, als Bücher.

PKS: Was ist an dieser Stimmung so reizvoll?

BP: Ich glaube am Steampunk ist vor allem reizvoll, dass so viel möglich ist. Auf der einen Seite haben wir das viktorianische Zeitalter, von dem wir heute eine verklärte romantische Sicht haben, die besagt dass die Menschen damals noch alle wohlerzogen waren, dass die Gentlemen mit Zylinder und Anzug herumliefen und die Damen schöne Kleider trugen. Und dass die Welt noch ein Ort war, den zum Teil noch ein Zauber innewohnte, einfach weil es weiße Flecken auf der Landkarte gab, die noch nicht erforscht waren. Mit Entdecker- und Abenteuergeist konnte man dort hinfahren und erstaunliche Sachen finden. Das ist die eine Seite. Beim Steampunk kommt dann ja zusätzlich dieses Spiel mit der Technik hinein, das besagt: Wie wäre es, wenn die Menschen es in dieser Zeit mit ihrem unglaublichen Entdeckerdrang schon geschafft hätten, dampfbetriebene Tauchboote, Maschinenmenschen, Computer oder Zeppeline zu bauen? Dieses Futuristische verstärkt den Abenteueraspekt natürlich noch. Alles in allem entsteht dadurch etwas Verspieltes, das dem gesamten Genre inne ist. Und in diesem Verspielten liegt – wie ich schon sagte – der größte Reiz.

PKS: Warum ist das Setting so flexibel für verschieden Genres – Urban Fantasy, Science Fiction etc.?

BP: Steampunk, wie wir ihn heute verstehen, ist ja vor allem ein Set von Motiven: viktorianisches Zeitalter, Menschen mit Zylindern an denen Schweißerbrillen befestigt sind, Zeppeline, Queen Victoria, die als Arbeitgeber für irgendwelche Figuren dient. Und mit diesem Motivset kann man natürlich jede Art von Geschichte erzählen: eine Abenteuergeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Kriminalgeschichte und so weiter. Aber ich weiß nicht, ob Steampunk dadurch so viel flexibler ist, als ein modern städtisches oder ein futuristisches Setting, in dem ja auch verschiedenste Geschichten erzählt werden könnten.

PKS: Wie haben Sie Ihre Figuren entwickelt? Konkret in die Zeit hinein oder ganz offen?

BP: Normalerweise fange ich sehr technisch an. Ich überlege mir, welche Art von Hauptcharakter ich haben möchte und welches Ensemble er braucht: Er braucht einen Antagonisten, er braucht zwei, drei gute Freunde, die möglichst unterschiedlich sein sollten, er braucht eine Figur, in die er sich im Laufe der Geschichte verlieben kann – oder gleich zwei Figuren, wenn’s ein bisschen komplizierter werden darf. Und auch bei der Magierdämmerung habe ich mir das erstmal relativ abstrakt angeschaut. Danach muss man natürlich anfangen, diesen abstrakten Figuren Fleisch auf die Rippen zu geben, und in dem Moment wurde auch die Frage relevant: Was würde gut in die Zeit passen? Und dann kam eben ein Journalist heraus, der beim Strand Magazine arbeitet, das damals sehr erfolgreich war; dann kam ein Londoner Hafenarbeiter heraus oder jemand wie dieser Magier-Dandy Jupiter Holmes, der von sich selbst glaubt, das Vorbild des literarischen Detektivs Sherlock Holmes zu sein und natürlich dadurch sehr in dieser Zeit verhaftet ist. Eine Hilfestellung, derer ich mich gerne bediene, ist die: Ich suche mir Schauspieler aus, die diese Figuren verkörpern könnten. Das ist sehr praktisch, um mit den Figuren warm zu werden, denn am Anfang des Romans fällt es noch schwer, den Charakter einer Figur zu greifen. Wenn man dann jemanden hat, den man als Ausgangspunkt nehmen kann, ist das sehr hilfreich. Den Bösewicht, Wellington, habe ich zum Beispiel mit Peter Cushing besetzt, die Magieragentin Lionida mit Catherine Zeta-Jones. Da hatte ich sofort Bilder im Kopf, Sets von Gesten und Blicken, mit denen ich beginnen konnte, die Figuren zum Leben zu erwecken. Natürlich entwickeln die Figuren im Laufe des Romans ein Eigenleben, verlassen die Vorlage, die man ursprünglich verwendet hat.

PKS: Wer war die Vorlage für Ihren Protagonisten Jonathan?

BP: Dean Cain, der Schauspieler, der in der Serie Lois & Clark Superman gespielt hat. Das klingt für mache sicher sehr abwegig, aber wenn man genau liest, kriegt man einen Hinweis darauf, welche Strategie dahinter steckte: Jonathan heißt ja mit Nachnamen Kentham, und wenn man das “ham” weglässt bekommt man eine Figur, die nicht ganz unbekannt ist im Superhelden-Genre. Und tatsächlich habe ich mir diese Magier ganz am Anfang durchaus ähnlich wie Superhelden vorgestellt. Es gibt auch zwei, drei Szenen im ersten Band, die ein bisschen augenzwinkernd in Richtung Superman, Spiderman deuten, weil die auch zum Beispiel fahrende Autos aufhalten oder sich von Häusen schwingen können. Das ganze Magiesystem ist bei mir ja auch weniger fantastisch, als vielmehr fast wissenschaftlich aufgebaut. Daher kam es mir fast folgerichtig vor zu sagen: Diese Magier sind auch keine Gandalfs oder Merlins sondern eher eine Art viktorianische Superhelden.

PKS: Ihre Namen spielen teilweise an Figuren aus der Zeit an: Hyde-White, Jonathan und Miss Harker, Victor Wellington, Jupiter Holmes…

BP: Das ist eine Spielerei zwischen mir als Autor und den Lesern. Ich biete den Lesern an, in der Geschichte ganz viele kleine Details zu finden: Namen, Szenen, manche Sätze, die die Figuren sagen. Man muss sie nicht erkennen, man kann die Magierdämmerung auch prima einfach so lesen, aber wenn man sich in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts auskennt, dann lässt sich schon die ein oder andere augenzwinkernde Anspielung erkennen, und um dieses Augenzwinkerns, dieses Spaßes Willen, habe ich das im Wesentlichen gemacht.

PKS: Sprechen Ihre Figuren eine an die Zeit angelehnte Sprache?

BP: Sie drücken sich vielleicht ein bisschen gewählter aus, als bei einer Urban-Fantasy-Geschichte, aber ich habe es auch nicht übertrieben. Wenn ich mich zu stark an die (literarische) Sprache der damaligen Zeit angelehnt hätte, wäre es zu viel des Guten geworden. Ich verstehe die Magierdämmerung als Hollywood- oder Pulp-Variante eines viktorianischen Romans, und entsprechend dürfen die Figuren auch etwas schlagfertiger und salopper sprechen, als sie es vielleicht damals normalerweise getan haben.

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