Buchkritik: Tan Twan Eng – The Garden of Evening Mists (Booker Prize 2012)

Am 16. Oktober, nur eine Woche nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises,
findet in London eins der wichtigsten Ereignisse der internationalen 
Literatur-Szene statt: Der Gewinner des Man Booker Preises 2012 wird 
verkündet. Um uns auf den großen Tag vorzubereiten, stellen wir bis 
Dienstag täglich einen der sechs Shortlist-Romane vor.

Worum geht’s?

Richterin Teoh Yun Ling, erkrankt an einer Form von Demenz, geht nach vielen Jahren zurück nach Yugiri. Der japanische Garten war Jahrzehnte zuvor, mitten im kommunistischen Bürgerkrieg, für ein halbes Jahr ihr Zuhause, und sein Gestalter, der emigrierte Japaner Aritomo, ihr Lehrer in der Kunst des Gärtnerns, hat sie tief geprägt. Dabei hat Yun Ling nicht gerne zugestimmt, bei Aritomo zu lernen – schließlich hat sie die Japaner während ihrer Gefangenschaft in einem japanischen Internierungscamp zu hassen gelernt.

PopKulturSchock denkt…

Das Herz von The Garden of Evening Mists spielt in Malaysia Anfang der 50er Jahre, einer Zeit, die Tan Twan Eng selbst nicht miterlebt hat. Wenn man das nicht wüsste, wäre das allerdings nicht spürbar. Malaysia, die Vorbehalte zwischen den dort ansässigen Chinesen, Malayen und Europäern, das Pulverfass der kommunistischen Revolution, der Schock der japanischen Besetzung, die dem Land immer noch in den Knochen sitzt, seine Landschaften, seine Mentalität – all das wird lebendig.

Das gleiche gilt für die Aspekte der japanischen Kultur, die im Roman eine Rolle spielen: die Teezeremonie, das Tao te King, vor allem natürlich die Kunst des japanischen Gartens, die eng mit der Philosophie des Tao verknüpft ist. Noch wichtiger sind Tan Twan Eng offenbar allerdings zwei andere Aspekte: das Thema Erinnerung – was löst sie aus, wie zuverlässig ist sie, wie damit umgehen – und die Greuel der japanischen Besetzung.

Diese Themen bilden das Gewicht des Romans, seinen Kern – denn was die Form betrifft, ist The Garden of Evening Mists der mit Abstand konventionellste und am wenigsten ambitionierte Anwärter auf den Booker. Tan Twan Eng erzählt ruhig, direkt und gelassen, ohne erzählerisches Klimbim, in weicher, fließender Prosa. Seine Struktur ist zwar nicht chronologisch aber auch nicht atemberaubend virtuos: Von einer Rahmenhandlung springt die Geschichte zurück in die 50er und von dort immer mal wieder weiter zurück in die Zeit des zweiten Weltkriegs. Schlicht aber elegant.

Weniger elegant sind die Figuren. Es ist mir nicht leicht gefallen, für die Figuren – Yun Ling und Aritomo, seinen Diener, einen gemeinsamen Freund und seine Familie, Begegnungen im Camp und Yun Lings Schwester, die wie ein Geist über allem schwebt – zu erwärmen.  Allen außer der Protagonistin und Aritomo fehlt es an Komplexität, Grautönen und Dreidimensionalität. Dazu kommt, dass das Set-Up nicht besonders originell ist: Wer schonmal eine Handvoll Kung-Fu-Filme gesehen hat, dem wird die Konstellation ‘widerspenstiger Schüler versus enigmatischen Meister’ bekannt vorkommen. Und auch die Weisheiten, die Aritomo von sich gibt, schrammen manchmal gefährlich nah am Glückskeks-Spruch vorbei.

The Garden of Evening Mists ist ein  faszinierender, hervorragend erzählter historischer Roman über eine im Westen kaum präsente Kultur, der am Ende mit einem Haufen spannender Twists aufwartet. Als Denkmal für die Opfer der Besatzung Malaysias im zweiten Weltkrieg ist er sicher wichtig – aber ein bahnbrechender Roman ist er nicht.

Die Chancen

Tan Twan Eng hat erst seinen zweiten Roman vorgelegt, und auch sein Vorgänger, The Gift of Rain, hat es auf die Booker-Longlist geschafft. Das ist vor ihm noch niemandem gelungen. Trotzdem glaube ich nicht an einen Gewinn von The Garden of Evening Mists - dazu hat die Jury in der Vorauswahl zu viel Wert auf literarische Ambition gelegt, und auf dem Gebiet kann Eng schlicht und ergreifend nicht mithalten. Vielleicht schafft der Roman aber dank der Wahl auf die Shortlist den Sprung in den deutschsprachigen Raum, wo er sich gut verkaufen könnte.

 

Man Booker Preis 2012 bei PopKulturSchock:

Jeet Thayil – Narcopolis

Deborah Levy – Swimming Home

Will Self – Umbrella

Alison Moore – The Lighthouse

Hilary Mantel – Bring Up The Bodies

Man Booker Preis 2012 im Netz: Booker-Special beim Guardian Webseite Man Booker

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Kategorien: Buch, Rezensionen

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