PopKulturChat: Mathias Malzieu (Die Mechanik des Herzens)

Bestsellerautor und Musiker (Dionysos)

In seiner Heimat Frankreich ist Mathias Malzieu schon lange ein Star; nicht nur als Romanautor, sondern auch als Kopf der Band Dionysos. Sein dritter Roman Die Mechanik des Herzens hat ihm jetzt auch den überfälligen internationalen Durchbruch beschert. Im Interview spricht Malzieu über den Alltagsmagie, Steampunk und sein Filmprojekt mit Luc Besson.

PopKulturSchock: Als Sie ihr erstes Buch veröffentlich haben, war (ihre Band) Dionysos schon ein großer Name. Sehen Sie sich heute eher als schreibender Musiker oder als Schriftsteller, der nebenbei Musik macht?

Mathias Malzieu: Ich sehe ich mich einfach als Mensch, wie die Indianer im Film Little Big Man; das ist ein Ansatz, der mir gefällt. Ich habe früher so oft davon geträumt, Konzerte zu spielen, Musik aufzunehmen, Bücher zu schreiben und Filme zu drehen… heute verbindet sich das alles und ich fange gerade erst an, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie groß dieser Spielplatz sein kann. Es ist eine Ehre als „Meister-Geschichtenerzählender“ zu leben. Ich mag das kurze Format der Rockmusik, das ist wie ein 100-Meter Sprint, und ich schreibe gerne Romane wie ein Marathonläufer. Da werden einfach verschiedene kreative Muskeln bewegt.

PKS: Wie sieht Ihr Arbeitsprozess aus? Arbeiten Sie gleichzeitig an Ihren Büchern und mit der Band, oder nehmen Sie sich jeweils Zeit für das eine, während das andere auf Eis liegt?

MM: Ich nutze die menschliche, soziale und künstlerische Interaktion in der Band für meine Bücher.  Und umgekehrt natürlich auch; ein paar Charaktere stammen aus den Büchern und  liefern Ideen für Songs. Das hängt bei mir immer zusammen; es ist wie eine Schnitzeljagt in der ich mich gerne verliere und wiederfinde. Mein Körper ist aber nicht immer derselben Meinung; deshalb habe ich manchmal Probleme mit dem Einschlafen. Eigentlich ist das aber ein schönes Problem.

PKS: Die Umschläge Ihrer Bücher, aber auch die Cover und Videos Ihrer Band erinnern ein bisschen an Tim Burton. Was ist für Sie der Reiz an dieser Ästhetik?

MM: Die Tatsache, dass es gleichzeitig verspielt und melancholisch ist. Ich brauche Magie im Alltag, nicht um der Realität zu entkommen, sondern um sie aufzupeppen. Ich finde mich selbst in der Steampunk-Bewegung wieder, aber auch im deutschen Expressionismus und in der surrealen Pop-Ästhetik von Tim Burton oder etwa Edward Gorey.

PKS: Wie hat eigentlich Die Mechanik des Herzens angefangen – als Buch oder als Album?

MM: Am Anfang war die Geschichte, man könnte also sagen, das Buch. Während ich dann diesen Charakter mit einem Uhrwerk statt einem Herz geschrieben habe, hatte ich die Idee, seinen Herzschlag aufzunehmen. Ich habe also eine Nacht in einem Uhrenladen verbracht und dem Ticken zugehört. So habe ich mich gefühlt, als wäre ich der Arzt meines Charakters, und diesen Herzschlag zu hören hat dazu geführt, dass ein Doppel-, jetzt sogar Dreifach-Projekt daraus geworden ist. Ich arbeite gerade daran, es als Animationsfilm zu adaptieren, und mache mit Dionysos den Soundtrack.

PKS: Ich glaube man kann ohne zu übertreiben sagen, dass Mechanik des Herzens Ihr bis heute erfolgreichster Roman ist; auf jeden Fall international. Woran glauben Sie liegt es, dass er mehr Leute anspricht als seine beiden Vorgänger?

MM: Das ist schwer zu sagen. Für mich ist er genauso persönlich wie meine anderen Bücher. Das ist wie bei einem Song im Radio, den die Leute plötzlich lieber mögen als andere Songs. So ist das im Moment mit Mechanik des Herzens. Ich bin froh darüber und natürlich auch dankbar, aber erklären kann ich es nicht.

PKS: Wie ist der Charakter Jack entstanden und wie sind Sie auf die Idee mit dem Kuckucksuhr-Herz gekommen?

MM: In meinem ersten Buch hilft mir ein 13 Fuß großer, 150 Jahre alter Riese, die Trauer über den Tod meiner Mutter zu überwinden:  Er gibt mir einen Teil seines Schattens, um die Löcher in meinem Herzen zu stopfen. Ich wollte die Geschichte dieses Charakters von Anfang an erzählen, die Geschichte seiner Entstehung. Deshalb ist Mechanik eine Art Prequel. Ich mochte auch die die Idee, mit einem Kuckucksuhr-Herz eine Geschichte über die Leidenschaft und das Anderssein zu erzählen. Ich wollte ein weiches Monster schaffen, eine Art zärtlichen Frankenstein.

Malzieus Popkultur-Favoriten (zum Vergrößern anklicken)

PKS: Die Idee des mechanischen Herzens (und sein Look) könnte, wie viele andere Elemente Ihrer Bücher und Musikvideos, direkt aus dem Steampunk kommen. Wie sehr hat Sie diese Ästhethik beeinflusst?

MM: Jules Verne, Mèlies und das Konzept des Erfinders inspirieren mich. Ich mag das Gefühl einer lebenden Maschine, eine Idee die man auch im Steampunk findet. Ich mag Super 8 Projektoren, alte Polaroid-Kameras und Nähmaschinen. Ihre Geräusche, die fast wie ein schlagendes Herz klingen, haben viel dazu beigetragen, dass ich mir den Charakter des Uhren-Manns ausgedacht habe.

PKS: Was ist für Sie am wichtigsten: Handlung, Charaktere oder Atmosphäre?

MM: Für mich sind es die Charaktere, von denen die Emotion kommt. Dann kommt die Handlung, die den Charakteren die Impulse gibt, und als letztes die Atmosphäre, die für Farbe sorgt. Der Charakter ist wie eine Melodie, die Handlung wie ein Schlagzeug-Rhythmus und die Atmosphäre wie ein harmonisches Arrangement.

PKS: Sie haben als Musiker und als Autor von Büchern und Comics gearbeitet. Gibt es noch andere Ausdrucksformen, in denen Sie sich austoben würden, z.B. als Filmregisseur?

MM: Ich führe im Moment zum ersten Mal Regie, bei der Adaption von Mechanik des Herzens als 3D-Animationsfilm. Ich habe das große Glück, dass Luc Besson produziert und sich sehr für den Film einsetzt. Außerdem war ich Leiter einer Ausstellung von 40 Künstlern, mit Kunstwerken um das Thema meines letzten Romans Métamorphose en Bord de Ciel.

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