CD-Kritik: Rush – Clockwork Angels

Das 19. Studioalbum der Kanadier ist unerwartet brillant

Time is a gypsy caravan steals away in the night

“Dreamline”, 1991

Der Erfolg des kanadischen Trios Rush ist nicht nur seit fast vier Jahrzehnten ungebrochen; seit ihrem Documentary Beyond the Lighted Stage und ihren Auftritten im Film I Love You, Man (Trauzeuge gesucht), der US-Show The Colbert Report, sowie dem letzten Guitar Hero-Spiel und Ernest Clines Geek-Bibel Ready Player One sind sie außerdem – zumindest in den USA – Teil der Mainstreamkultur geworden. Nicht schlecht für eine Band, die im Laufe ihrer Karriere mal nach Led Zeppelin, mal nach Prog-Riesen wie Yes und Genesis, mal poppig und mal nach dreckigem, fast grungigem Rock geklungen hat. Rush sind die – ungleich erfolgreicheren – Vorbilder von Bands wie Dream Theater und Marillion, und obwohl sie ein musikalisches Chamäleon sind, ist ihre Musik immer nach wenigen Tönen klar als Rush zu erkennen.

Dass ihre neue CD Clockwork Angels ein Konzeptalbum werden sollte, war seit einiger Zeit bekannt. Angeblich hat Produzent und Überfan Nick Raskulinecz die Band noch mehr als beim Vorgänger Snakes & Arrows dazu angehalten, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen.

Wer allerdings gehofft hat, dass ihn auf Clockwork Angels hochkomplexe Zwanzigminüter erwarten oder Gesang, der Glas zum Zerspringen bringt, der muss sich auf eine Enttäuschung gefasst machen. Der längste Track ist siebeneinhalb Minuten lang und Geddy Lee singt, wie auf allen Alben seit Presto, in einem deutlich tieferen Register.

Das Konzept ist auch deutlich weniger Steampunk-lastig als der Titel und die Bühnendeko der letzten Tour nahegelegt hätten. In den Texten von Clockwork Angels geht es nicht zuletzt um vergangene – und gelebte – Zeit. Das Thema Sterblichkeit ist zwar nicht so präsent wie auf dem (überraschend inspirierten) neuen Beach Boys Album That’s Why God Made The Radio, aber Clockwork Angels ist gerade textlich sehr reflektiert und klingt oft fast wehmütig.

Als eine Art Vorab-Teaser haben vor mehr als einem Jahr die Songs „Caravan“ und „BU2B“ (kurz für “brought up to believe“) für Aufsehen und stark geteilte Meinungen unter Fans gesorgt. Instrumental waren die Kanadier zwar in Höchstform, aber die Gesangslinien von Geddy Lee waren – wie oft in letzter Zeit – etwas eintönig und auch richtige Hooks waren in den beiden Songs eher sparsam gesäht.

Wer sich also fragt, wie die beiden Stücke sich im Gesamtkontext des Albums einordnen, kann aufatmen: „Caravan“ und „BUSB“ sind zwar repräsentativ für den Sound und passen sich gut ein, gehören aber eindeutig zu den schwächsten Stücken auf Clockwork Angels. Und auf Hooks wie den von „The Wreckers“ haben sie auch nicht vorbereitet:

Außerdem bricht Clockwork Angels den langjährigen Rush-Fluch, demnach Alben offenbar mit einem belanglosen Pop-Track enden müssen. „The Garden“ ist nicht nur ein emotionales Highlight, sondern auch einer der besten Songs des Albums.

Man hört auch immer wieder Anleihen an die Fly by Night / Caress of Steel-Zeit (z.B. bei der Single „Headlong Flight“, die mit einem “Bastille Day”-Zitat anfängt).

Während Alex Lifesons Zeppelin-eske Riffs den Rush-Sound der 70er heraufbeschwören, erinnern die melodischen Gesangsmelodien vor allem an die Alben der 80er; die waren zwar weniger progressiv, aber dank des überragenden Songwritings gehören z.B. Grace under Pressure und Power Windows bis heute zu den Favoriten vieler Fans. Ähnlich inspiriert klingt auch der Chorus von „Carnies“:

Clockwork Angels klingt nicht wie eine Kopie der Rush-Alben der 70er, 80er oder 90er, sondern kombiniert clever die Riffs der 70er, die Hooks der 80er und den roh produzierten Sound der 90er – wenn auch mit etwas mehr „Kawumm“. Vor allem klingt das Album komplett wie aus einem Guss und unverwechselbar nach Rush. Die drei Musiker spielen, als hätten sie ihre Instrumente wieder ganz neu entdeckt, und während Geddy Lees Stimme von Album zu Album tiefer wird, klingt sie gleichzeitig auch kräftiger und sicherer. Der neue Klang passt zwar nicht gleichermaßen gut zu allen Songs des umfangreichen Back-Katalogs, aber Clockwork Angels ist perfekt auf das tiefere Register zugeschnitten.

Wer den Schlachtruf „Back to the Roots“ zu wörtlich genommen hat, wird etwas völlig anderes von Clockwork Angels erwartet haben. Die Musik klingt weder wie Fly By Night, 2112, Permanent Waves, Power Windows noch wie Counterparts, sondern wie eine perfekte Fusion aus allen diesen Alben und muss sich weder songtechnisch noch spielerisch hinter den Highlights der fast 40-jährigen Karriere verstecken.

Vor allem vollbringt Clockwork Angels ein kleines Wunder: Es fasst mit einer Handvoll Songs – lyrisch und musikalisch – perfekt zusammen, was den unverwechselbaren Appeal von Rush ausmacht, ohne dabei wie eine Sammlung von Selbstzitaten zu klingen.

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Kategorien: Musik, Rezensionen

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