
Grüße von Harold Lloyd
Gleichzeitig mit Hugo startet in den Kinos auch die neue, 3D-isierte Fassung von Star Wars Episode I – The Phantom Menace. Oberflächlich haben die zwei Filme einiges gemeinsam – die Regisseure Martin Scorsese und George Lucas sind beide Wunderkinder der „New Hollywood“-Bewegung, der ersten Filmschulgeneration der Traumfabrik – und beide Filme betonen ihre 3D-Optik. Während allerdings Hugo eine verspielte Hommage an die Magie des Kinos ist, eine Liebeserklärung an die ersten bewegten Bilder, weckt das Star Wars-Prequel vor allem den Wunsch, Lichtspielhäuser in Zukunft ganz zu meiden und stattdessen mehr zu lesen.
Die Vorlage zu Hugo, Brian Selznicks vielgepriesene Graphic Novel Die Erfindung des Hugo Cabret, erzählt eine kurze und gradlinige Geschichte: Weisenkind Hugo lebt im Pariser Bahnhof, zieht die Uhren auf und bastelt an einem mechanischem Mann, den sein Vater ihm hinterlassen hat. Auf einem seiner Streifzüge durch den Bahnhof trifft er den Spielzeughändler Georges, der Hugo verdächtigt, ein Dieb zu sein und ihm eins seiner wertvollsten Besitztümer abnimmt – das Notizbuch seines Vaters, voll mit Skizzen und Notizen zum mechanischen Mann.

Gut bemessener Slapstick: Sacha Baron Cohen als Stationsinspektor
Scorseses Film hält sich vergleichsweise eng an die Graphic Novel; hier und da fügt er eine Szene ein, meistens Flashbacks oder Traumsequenzen, oder dehnt eine Begegnung aus, folgt aber sonst dem Handlungsgerüst. Selznicks Vorlage, weniger ein traditioneller Comic als eine Mischung aus Roman und Storyboard, ist nicht ohne Schwächen: Warum zum Beispiel will Hugo das Notizbuch lieber verlieren als zu erzählen, dass es seinem Vater gehört? Das Drehbuch von John Logan (Gladiator) bügelt zwar einige davon aus, ist aber auch nicht perfekt.
Hugo richtet sich nicht nur an Kinder, sondern, mit vielen augenzwinkernden und gleichzeitig nostalgischen Hommagen an die Pioniere des Films, auch an Cineasten. Die mögen diskutieren, ob es Frevel ist, Filme von Georges Méliès (im Film perfekt besetzt mit Ben Kingsley) zu 3D zu konvertieren und digital neue Schauspieler einzufügen (hier horcht George Lucas auf). Aber wenn Scorsese sich für solche Eingriffe entscheidet, dann immer im Dienste der Story.
Hugo hat eine ähnliche Gesinnung wie ein anderer aktueller Film: der Stummfilm-Abgesang The Artist – ein französischer Film, der in Hollywood spielt (während Hugo ein Hollywood-Film ist, der in Frankreich spielt) – aber der perfekte Gegenpart für ein Double-Feature ist Gioseppe Tornatores Nuovo Cinema Paradiso, ebenfalls eine Liebeserklärung an das Kino, die ähnlich effektiv mit einer Montage alter Filmschnipsel Emotionen erzeugt und auf die (Cineasten-)Tränendrüse drückt.
Auch wenn ich ein erklärter 3D-Skeptiker bin – bei Hugo bilden Look und Inhalt eine stimmige und fast zwingende Einheit. Die Leinwand wird zu einer cineastischen Spielkiste für Scorsese, in der er sich ohne Abstriche, und ohne jegliche Spur von Zynismus, austobt und mit Humor, Gefühl und kreativen technischen Spielereien seiner Liebe für die sorglosen ersten kreativen Gehversuche des Kinos in jeder Einstellung Ausdruck verleiht.

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