Buchkritik: Mira Grant – Feed. Viruszone

Ob diktatorisch angeordnete Kinder-”Battle Royales” in den Überbleibsteln Amerikas in Suzanne Collins Hunger Games (Panem)-Trilogie oder nonstop-Strandwetter in Tim Fehlbaums Hell – postapokalyptische Welten liegen voll im Trend. Die von Feed ist in Zonen unterteilt, mit verschiedenen Sicherheitsstufen, je nach Ausmaß der Bedrohung.

Welche Bedrohung? Zombies!

Die sind zwar bissig, ansteckend und (un)tödlich wie immer, haben aber, anders als sonst, die Gesellschaft nicht zerstört, sondern lediglich zu extremer Anpassung gezwungen.

An jeder Ecke wartet ein automatisierter Test, der dem Subjekt eine Nadel in den Finger bohrt und – bei postivem Befund – isoliert und eliminiert. Dank ihrer ihrer exklusiven Berichterstattung während der Zombie-Apokalypse haben Blogger die traditionellen Medien fast völlig ersetzt.

Vor diesem Hintergrund werden – Jahrzehnte nach dem Ausbruch – die ehrgeizige Bloggerin George (benannt nach Regisseur Romero), ihr Bruder Shaun und ihre Kollegin Buffy (!) ausgewählt, um mit einem Senator und Präsidentschaftskandidaten durch die USA zu reisen und über dessen Wahlkapf zu berichten. Gleichzeitig stoßen die drei auf eine Verschwörung, die  – wie so oft – mächtige Drahtzieher hat.

Auch wenn Autorin Mira Grant, die sonst unter dem Namen Seanan Mcguire vor allem für Teenager schreibt, sich nicht komplett von ihren Young Adult Fiction-Wurzeln verabschiedet, steht Feed nicht nur mit einem, sondern mit beiden verfaulten Beinen fest im Zombie-Genre. Die Ausgangsidee zwar ist nicht komplett neu – der Twist, dass jeder Mensch das Virus schon zu Lebzeiten in sich trägt und beim Tod automatisch zum Zombie wird, stammt aus Robert Kirkmans Walking Dead-Comics – aber die darauf aufgebaute Welt, in der die Menschheit sich nicht mehr auf der Flucht befinden, ist ebenso durchdacht wie originell und kreuzt Zombie-Mythologien mit intelligenter Science-Fiction.

Etwas ärgerlich ist, dass Autorin Grant sich einerseits als devoten Horror-Fan darstellt, aber gleichzeitig zwischen den Zeilen Verachtung und Unkenntnis des Genres durchblitzen lässt – ironischerweise vor allem für George A. Romero, dessen Filme in Feed als Lehrmaterial herhalten und den Menschen helfen, die Zombie-Apokalypse zu überstehen. Überhaupt kennt sie sich mit Horrorfilmen nur sehr begrenzt aus, was aber ihrer Vorliebe für Namedropping und wild gestreute Popkultur-Anspielungen keinen Abbruch tut. Dabei folgt Grant vor allem im letzten Drittel nicht selten Konventionen des Genres, über das sich sich augenscheinlich erhaben fühlt.

Diese etwas schizophrene Attitüde der Autorin ist eine der kleinen Schwächen von Feed. Die Erzählstimme ist hin und wieder etwas holprig und gerade bei der Exposition neigt Grant gelegentlich dazu, den Leser zu unterschätzen und auch dann Dinge explizit (und mehrfach) zu sagen, wenn eine Andeutung genügt hätte.

Während der Roman größtenteils in sich abgeschlossen ist und dazu ein sehr effektives Ende hat, bleiben viele der aufgeworfenen Fragen unbeantwortet. Tatsächlich ist Feed nur der erste Band der “Newsflesh“-Trilogie. Daher die Eine-Millionen-Euro-Frage:

Ist die Geschichte wirklich interessant genug für drei Bücher?

Ja, ist sie. Der Plot zeigt zwar im letzten Drittel ganz leichte Ermüdungserscheinungen, aberwie spätestens der noch bessere zweite Band Deadline (erscheint bei uns im Juli) beweist, funktioniert Feed vor allem als Einführung in Georges originelle und komplexe Welt. Einige der kleinen Schwächen lassen sich nicht wegdiskutieren, aber als Fusion aus Horror und gut gedachter Dystopie mit einem Hauch Young Adult-Fiction ist Feed einer der spannendsten und lesenswertesten Genre-Romane der letzten Zeit.

Mit PopKulturSchock durch die Apokalypse:

Zombie-Apokalypse

Atomare Apocalypse

Rechte: Universal

Geschmackliche Apokalypse

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Kategorien: Buch, Rezensionen

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