Filmkritik: Drive

Diesmal knüpfen wir uns in unserem Filmkritik-Sparring Drive vor, der am 26. Januar in den Kinos anläuft.

Kai:

Es ist noch zu früh zu sagen, ob Nicolas Winding Refns Drive – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Action-B-Movie mit Mark Dacascos – der Film des Jahres ist. Als Anwärter auf den coolsten Film der letzten zehn Jahre hat er aber umso bessere Karten – nicht nur, aber auf jeden Fall auch, wegen Ryan Goslings Skorpion-Bomberjacke.

Der Plot von Drive ist purer Film Noir: Der Fahrer – der Name von Ryan Goslings Charakter wird im Film nicht erwähnt – arbeitet tagsüber als Stuntman in Hollywood und nachts als „Fluchtfahrer“, der keine Fragen stellt. Als der Mann seiner Nachbarin (und Love-Interest) aus dem Gefängnis entlassen wird, lässt sich der Fahrer in einen Sog von Verbrechen und Gewalt ziehen und steht plötzlich auf der Abschussliste der Mafia.

Der neue Coolness-Standard: Der Fahrer (Ryan Gosling)

Trotz der durchweg spektakulären Performances sind Goslings „Fahrer“, sein Mechaniker und einziger Freund (Bryan Cranston aus Breaking Bad) und (auf der Seite des organisierten Verbrechens) Albert Brooks und Ron „Hellboy“ Perlman als Charaktere ebenso schablonenhaft wie Femme Fatale Christina Hendricks (Mad Men) und die engelhaft-naive Irene (Carey Mulligan).

Refn benutzt seine prototypischen Noir-Charaktere und die motivischen Versatzstücke für eine Stilübung, die das visuelle Flair von Scorseses Taxi Driver mit dem Erzählstil der französischen Nouvelle Vague und gewaltgeladenen B-Thrillern der 80er zu einem aufregend-originellen cineastischen Kaleidoskop verknüpft. Statt traditioneller Action setzt er größtenteils auf bedrohliche Atmosphäre und effektiv platzierte exzessive Gewaltausbrüche, beginnt aber mit mit einer atemlos inszenierten Verfolgungsjagd, in der der Fahrer eindrucksvoll seine Fähigkeiten unter Beweis stellt.

Das klingt nach Style over Substance, aber Refns hypnotische Inszenierung zieht den Zuschauer von der ersten Minute in den Bann. Sein letzter Film Bronson war ein Juwel;  aber mit seinem neuen Werk hat sich der Däne unsterblich gemacht und sich filmisch in die erste Liga katapultiert. Drive ist großes Regiekino und ein cineastischer Traum.

Desirée:

Als Filmfan, für den mehr als ein explodierendes Auto im Trailer fast einem Knockout-Kriterium für den Film gleichkommt, bin ich sehr erleichter zu vermelden: Drive ist kein Film über Autos. Sondern ein Film über Driver, Ryan Goslings maulfaulen Protagonisten und über die Gefahren die es bergen kann, wenn man Menschen an sich heranlässt.

Gosling und Mulligan

Die Handlung von Drive ist eine clevere und spannende Noir-Story, aber was den Film zum besten macht, den ich letztes Jahr gesehen habe, ist seine unglaubliche Selbstsicherheit. In Zeiten immer schneller werdender Schnitte folgt Regisseur Nicolas Winding Refn ganz gelassen seinem eigenen Rhythmus und wechselt wahnsinnig schnelle Schnittfolgen mit Szenen ab, wo die Kamera für bis zu einer Minute auf dem fast – aber eben nur fast – ausdruckslosen Gesicht von Ryan Gosling ruht,  oder auf einem Detail wie einer ruhig da liegenden Hand. Und auf eine sehr innige (und trotzdem ambivalente) Kussszene lässt er eine unglaublich brutale Szene folgen, die ihm nicht nur die Kussszene, sondern den ganzen Film hätte zerschießen können.

Aber sie tut es nicht, und auch Refns Vertrauen in seine Schauspieler ist absolut berechtigt. Sein Film ist ein kleines Meisterwerk geworden, und warum nur der Sound (der allerdings wirklich herausragend ist) Oscar-nominiert ist und weder einer der Schauspieler noch der Regisseur, ist überhaupt nicht nachvollziehbar. Für Carey Mulligan muss das besonders frustrierend sein, sie war nämlich schon letztes Jahr die weibliche Hauptfigur im von der Academy am sträflichsten vernachlässigten Film, Alles was wir geben mussten. Aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Drive kein Kultfilm würde – mit oder ohne Hilfe der Academy.

Kai:

Desirée:

US-Trailer:

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Kategorien: Film, Kino, Rezensionen

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3 Kommentare - “Filmkritik: Drive”

  1. 6. Februar 2012 at 00:00 #

    Klingt ja spannend und wenn er Kultfaktor hat, muss ich ihn mir auch unbedingt anschauen. Und Ryan Gosling ist sowieso ein Grund!

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