CD-Kritik: 3 (Three) – The Ghost You Gave To Me

Porcupine Tree-Chef Steven Wilson hat die Band 3 nach  gemeinsamer Tour als „beste Band mit der wir je gespielt haben“ bezeichnet und sie damit von einem komplett unbekannten Geheimtipp in die schwindelerregenden Sphären eines etwas-weniger-aber-immer-noch-größtenteils-unbekannten-Geheimtipps katapultiert. Vermutlich sind auch deshalb ihre letzten drei Alben bei uns nicht mehr nur als kostspieliger Import erhältlich, auch wenn sie im Laden nach wie vor schwer zu finden sind.

Auf dem letzten Album Revisions hatten 3 noch einen Gang zurückgeschaltet und Stücke der ersten drei CDs in neuem Klanggewand aufgenommen. Für The Ghost You Gave To Me haben sie zwölf brandneue Tracks komponiert; bemerkenswert, denn 3 sind notorische Recycler und haben auf früheren Alben viele Songs zwei- oder dreimal verwertet. Der Sound von Ghost knüpft genau da an, wo Wake Pig und The End Is Begun aufgehört haben: Grooviger, melodischer Prog, also Coheed & Cambria meets Kings X, mit R&B-Anleihen und einem Hauch von Tool.

Das stimmungsvolle Intro „Sirenum Scopuli“ lässt erahnen, dass 3 diesmal große Ambitionen haben. Auf ihrer Website bezeichnen sie die neue CD großspurig als Album „auf das wir unsere ganze Karriere lang hingearbeitet haben“. Großartig anders als die Vorgänger klingt Ghost zwar nicht, aber die Songs sind tatsächlich etwas verschachtelter und experimenteller, ohne die Hooks zu opfern. Dafür fehlt der groovige, perkussive Akustikgitarrensound von Bandleader Joey Eppard, sonst fester Bestandteil des 3-Sounds, fast komplett.

Eins der Highlights ist der Titelsong, ein kleines Juwel, das einen eingängigen Pop-Chorus mit Riff-orientiertem Funk-Metal verbindet.


Mitreißende Grooves waren von Anfang an eine Stärke von 3, und das ist auf The Ghost You Gave To Me nicht anders. Die ersten zwei Alben waren noch stark Pop- und R&B-beeinflusst, und das hat Spuren in Rhythmus und Gesangsmelodien hinterlassen, auch wenn der Sound in den letzten Jahren viel Rock- und Metal-orientierter ist. Ein interessanter Ausreißer ist der ambitionierte Track „Only Child“, dessen erste Hälfte wenig mit Rock zu tun hat.


Dann zeigen 3, dass nicht nur das Album, sondern jeder Song für sich eine musikalische Wundertüte sein kann: Auf eine King Crimson-inspirierte Stakkato-Gitarre und einen hämmernden Groove…


…folgt ein Riff irgendwo zwischen Led Zeppelin und Machine Head


…um dann mit Klavier und Mellotron auszuklingen. Trotz dieses Streifzugs durch verschiedene Musikrichtungen klingt das Ganze wie ein zusammenhängender Song. Hut ab!

The Ghost You Gave To Me klingt mit der gradlinigen Stadiumrock-Ballade “The Barrier“ aus, die mit ihrer Traumsymbolik eine textliche Verbindung zum Intro herstellt. Ein waschechtes Konzeptalbum ist die CD zwar nicht, aber Anfang und Ende, sowie eine Handvoll musikalischer Motive binden die Songs effektiv zusammen.

Die Musik profitiert sehr von einem klaren und transparenten Mix, in dem man alle Instrumente deutlich raushört, leider hat aber der „Loudness War*“ ein neues Opfer gefordert: The Ghost You Gave To Me ist so stark komprimiert, dass die Wellenformen der Songs aussehen aus wie ein Lineal von oben und so bleibt der Druck, den die Songs eigentlich haben sollten, manchmal ein bisschen auf der Strecke.

(2+)

Übrigens kann man sich im Moment das komplette Album bei AOL anhören: LINK

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Kategorien: Musik, Rezensionen

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